News 1997 - Nachrichten aus Laar


10.01.1997 - WAZ

Kritik an Laarer Pfarrer Reuter wegen des Inserats zum „Muezzin-Ruf"
Offener Brief von Hermann Romberg: Haß-Potential unterstützt

In einem offenen Brief bescheinigt der Vorsitzende des „Evangelischen Kontaktkreises zu islamischen Vereinen", Hermann Romberg dem Presbyterium der evangelischen Kirchengemeinde Laar unter Pfarrer Dietrich Reuter, mit dem Zeitungsinserat „Kein islamischer Gebetsruf" einen erstaunlichen Erfolg gehabt zu haben.

„Ich weiß allerdings nicht, ob Sie sich wirklich dieses Erfolges freuen wollen", schränkt Romberg anschließend ein.

Denn durch die Anzeige, so der Vorsitzende, sei bei vielen Lesern des Inserats wohl unabsichtlich der Eindruck vermittelt worden, Pfarrer Dietrich Reuter würde im Namen der evangelischen Kirche sprechen.

Denn die Synode, das Leitungsgremium des Kirchenkreises Duisburg-Nord, habe diese „Laarer Erklärung" am Tage ihres Erscheinens mit über 90 Prozent ihrer Stimmen abgelehnt.

Romberg wirft Pfarrer Reuter auch vor, viele Gemeindemitlieder verunsichert zu haben, durch die These vom „Machtanspruch auf Durchsetzung des Willens Allahs in der Gesellschaft" als „politischer Komponente" des Gebetsrufs.

Es sei in diesem Zusammenhang eine falsche Übersetzung des Rufes gewählt worden: „Es gibt keinen Gott außer Allah". In Wirklichkeit laute die Übersetzung: „Es gibt keinen Gott außer Gott". Denn „Gott" heiße arabisch „Allah". Zu „Allah" würden arabische Christen wie Franzosen zu „Dieu" beten.

Romberg macht auch darauf aufmerksam, dass bei vielen Duisburgerinnen und Duisburgern die oft berechtigten Besorgnisse über die Unsicherheit auf den Straßen verstärkt wurden, indem in der Stellungnahme den Lesern ein Schuldiger genannt werde: die Moscheen.

Deutlich macht der Arbeitskreisvorsitzende, dass dieses Inserat vielen Menschen in Duisburg die fehlende Rechtfertigung dafür gebe, dass sie die Anwesenheit der Ausländer in unserer Stadt ablehnen.

Was für ein Potential an Hass und Gewalt damit unterstützt wurde, habe sich in zahlreichen Leserbriefen und bei beiden Bürgerversammlungen in Laar und Beeck gezeigt.

Hermann Romberg: „Mit vielen anderen evangelischen Christen werde ich nicht aufhören, für eine Verständigung und für Freundschaft zwischen Christen und Muslimen zu arbeiten."


14.01.1997 - WAZ - zi-

Landeskirche: Pfarrer handelt unverantwortlich
Oberkirchenrat kritisiert Laarer Presbyterium

Zum zweitenmal innerhalb weniger Wochen hat die Rheinische Landeskirche jetzt das Presbyterium der ev. Kirchengemeinde Laar und den Vorsitzenden, Pfarrer Dietrich Reuter, wegen deren Haltung zum islamischen Gebetsaufruf scharf kritisiert: Auf der Synode in Bad Neuenahr beschäftigte sich der amtierende Präses, Hans-Ulrich Stephan, in seinem „Rechenschaftsbericht über für die Kirche bedeutsame Ereignisse" ausführlich mit der umstrittenen Stellungnahme, die in Form einer Zeitungsanzeige erschienen war.

Das Presbyterium hatte bekanntlich in dieser halbseitigen Zeitungsanzeige (NRZ vom 28.10.1996) das islamische Gebet eine „Unterwerfungsdemonstration" genannt und den Islam insgesamt als „antichristliche Religion" bezeichnet. Der scheidende Oberkirchenrat, keineswegs als äußerst progressiv bekannt, geißelt ausdrücklich dieses Vorgehen:

„Die Stellungnahme hat leider in unverantwortlicher Weise dazu beigetragen, Ignoranz und Abgrenzung zu schüren. Auch Mission beginnt mit dem Dialog." Ähnlich hatten sich schon zum Jahresende 25 Professoren der ev. Fachhochschule Bochum geäußert, denen die Landeskirche ausdrückich „herzlich
gedankt" hatte für deren „klare Worte".

Der Landeskirchenchef mahnt, die Auseinandersetzung habe „exemplarisch deutlich gemacht", dass die Muslime inzwischen die drittgrößte Religionsgemeinschaft in Deutschland sind. Stephan verweist dann auf das „grundgesetzlich gesicherte Recht der Religionsausübung" und bekennt mutig: „Dabei ist zu bedenken, dass in unserer volkskirchlichen Situation viele unserer Gemeindeglieder das kirchliche Glockenläuten allenfalls noch als vertraute Erinnerung, oft genug bereits als lästige Unterbrechung des Alltags empfinden."

Angesichts zunehmender Säkularisierung und Gewaltbereitschaft müsse nun die „gemeinsame Erinnerung von Christen, Juden und Muslimen an den Gott, dem alles Leben gehört, Zukunft aufzeigen". Stephan lobt in diesem Zusammenhang die Duisburger Aktion „Nur der Frieden ist heilig", mit der an den Beginn der Kreuzzüge vor 300 Jahren gedacht wurde.

Der Präses abschließend: „Wir werden uns darauf einzurichten haben, dass wir zukünftig nicht mehr nur aus der Mehrheitsposition unseren Glauben weitersagen. Vielleicht haben wir die Chance, die damit verbunden ist, noch nicht hinreichend wahrgenommen."


18.01.1997 - WAZ

 

LESERBRIEF


Muezzin-Ruf: Fremdenhass wird erzeugt

Betrifft: Bedrohung

Mit äußerstem Erschrecken vernehmen wir die populistischen Parolen der CDU gegen eine fremde Kultur. Ist die Erzeugung von Fremdenhass jetzt die neue Politik der CDU, die die Arbeitslosigkeit und Sozialabbau damit bekämpfen will?

Für uns (Christen), die wir die Erinnerung an die Nazi-Zeit haben und genau wissen, welche Mechanismen zum Faschismus geführt haben, bedeutet das Vorgehen der CDU gleich Wegbereitung für die neuen Rechten. Genau so, wie es die CDU-Führung verbreitet: Hass und Intoleranz gegen das Fremde und gegen andere Glaubensrichtungen haben seinerzeit den Faschismus an die Macht gebracht.

Es ist mehr als bedrückend, wenn Leute wie Horst Günther (MdB) und Dr. Jürgen Kämpgen, die an politisch verantwortlicher Stelle stehen, den christlichen Glauben für ihre unchristlichen Ziele missbrauchen. Für uns, denen die Töne der CDU sehr bekannt vorkommen, weil auch damals so oder ähnlich argumentiert wurde, heißt es deshalb: Wehret den Anfängen!

Wer sich politisch profilieren möchte, sollte dies nicht auf Kosten der Menschen tun, die wir einmal ins Land gerufen haben.

Inge und Paul Moses


22.01.1997 - WAZ

Muezzinruf: Gegner drohen mit Gerichtsstreit
WDR-Fernsehen dreht Donnerstag auf dem Markt in Laar

Die Erkenntnis ist nicht neu, dass sie praktisch täglich bestätigt wird, macht die Problematik nur brisanter: Kein Thema erregt und polarisiert die Bevölkerung seit Monaten so wie der Wunsch der Moscheevereine, per Lautsprecher öffentlich zum Gebet aufzurufen. Gleich zweimal beschäftigt sich das WDR-Fernsehen in dieser Woche mit dem Thema. Gestern abend wurden zwei ev. Pastöre portraitiert, die so gegensätzlicher Meinung sind wie die Duisburger. Am Donnerstag, ab 16 Uhr, zeichnet der WDR auf dem Laarer Markt Interviews mit Bürgern und Betroffenen auf, OB Krings und Dezernent Bildau haben zugesagt. Jedermann ist eingeladen. Sendetermin: 25.1., 18.20 Uhr.

Unterdessen geht in der Stadt die verbissene Debatte weiter. Erich Christ aus Homberg, einer der inzwischen profiliertesten, weil kompromisslosen Gegner des Ansinnens der Muslime, hat zusammen mit vielen Gleichgesinnten dem Rat auf der Grundlage der NRW-Gemeindeordnung eine offizielle Beschwerde zugesandt.

Tenor: Der Rat missachte durch Duldung deren Verhandlungen zwischen Verwaltung und Moscheevereinen die grundgesetzlich verankerten Rechte der „nichtmuslimischen Bevölkerung". Der Gebetsaufruf über Lautsprecher sei „nicht verfassungskonform", weil „niemand zur Teilnahme an religiösen Übungen gezwungen werden" dürfe. Das aber sei der Fall, wenn man „den akustischen Einbruch des Muezzin in den geschützten Bereich der Wohnung zulasse".

Christ und seine Mitstreiter schlagen dem Rat vor, Gutachten von „zwei neutralen Verfassungsrechtlern" einzuholen, SPD- und CDU-Fraktion sollte je einen der beiden benennen. Wenn die Stadt zu dieser Prüfung nicht bereit sei, droht Christ mit einer Verfassungsbeschwerde.

Auch die CDU bekräftigt in einer Replik auf die SPD-Kritik, dass es besser wäre, „auf den Gebetsaufruf zu verzichten". Es müsse alles für ein friedliches Miteinander getan werden, dabei dürfe „eine Gruppe die andere nicht überfordern". Da es 30 Jahre auch ohne Aufruf gegangen sei, liege der Verdacht einer „unnötigen Provokation" nahe.

Der SPD wirft die CDU vor, „zu schweigen, weil man die Meinung der deutschen Bevölkerung" kenne: Die Fraktionsvorsitzende sei in dieser Frage „abgetaucht".


23.01.1997 - WAZ - aka

Beim Fastenbrechen ist jeder Tag ein Familienfest
Mevlana-Moschee in Bruckhausen lud Nachbarn ein

Um 17.10 Uhr geht die Sonne unter. Pünktlich erklingt der Ruf des Muezzin, ein üppiges Büffet wird aufgetischt: Fastenbrechen in der Bruckhau-sener Mevlana-Moschee.

Im Fastenmonat Ramadan (vom 10.Januar bis 10. Februar) ist es den Muslimen von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang verboten, Flüssigkeit oder Nahrung zu sich zu nehmen. „In diesen vier Wochen soll der Ballast abgeworfen werden, der sich in elf Monaten angesammelt hat", erklärt Ücler Köksal vom Vorstand der Mevlana-Moschee. Die gesparten Mahlzeiten kommen Bedürftigen als Geld- oder Sachspenden zugute. Um am Fasten teilnehmen zu können, muss man körperlich gesund und volljährig sein. Im Islam gilt letzteres für Mädchen ab 13 Jahren, für Jungen ab 16 Jahren. Beendet wird das vierwöchige Fasten mit dem landläufig als Zuckerfest bekannten „Ramadan-Fest". Das tägliche Fastenbrechen fördere auch den Familienzusammenhalt, da das einzige Mahl des Tages feierlich zelebriert werde, so Köksal.

Da die Sonne täglich zwei Minuten später untergeht, verschiebt sich das Fastenbrechen entsprechend. Um die islamischen Rituale zu verdeutlichen, lud die Moschee zum gemeinsamen Fastenbrechen Nachbarn und Vertreter von Politik und Kirche ein.

Hermann Romberg, Vorsitzender des „Arbeitskreises evangelischer Kontakte zu islamischen Vereinen", war begeistert von der Einladung und betonte sein Entsetzen über die Kampagnen gegen Moscheen, die „lebensentscheidenden" Einfluss hätten und der Gesellschaft zu einer Werteordnung verhelfen könnte. Pater Thomas von den Hamborner Prämonstratensern beendete das vom Muezzin einberufene Fastenbrechen mit einem Tischgebet.


24.01.1997 - WAZ - aka

Beschimpfung von allen Seiten
WDR-Aufzeichnung in Laar

Als „Stimmenfänger" und „Schwätzer" wurde Oberbürgermeister Josef Krings verunglimpft, Bildungsdezernent Gerd Bildau als „genau so'n Klugscheißer" abgetan.

Die Aufzeichnung der WDR-Sendung „Gott und die Welt" auf dem Laarer Marktplatz zum Thema „Muezzin-Ruf" war von aggressiven Zwischenrufen begleitet. Die ersten Pfiffe ertönten zeitgleich mit der Ausstrahlung einer Aufzeichnung des Muezzin-Rufs zu Beginn der Sendung. Mehr als 300 Bürger konnten ihre Emotionen kaum zurückhalten und schrien sich ihren Ärger von der Seele.

Moderator Martin Blach-mann ließ Bürger, Politiker und Pfarrer Dietrich Reuter zu Wort kommen, hinterfragte geschickt die Meinungen. Reuter sagte, er „respektiere" den moslemischen Glauben, halte aber den Ruf für einen „Affront" gegen gläubige Christen und fürchte, dass die Gesellschaft nach „islamischem Gusto" umgestaltet werde.

Krings erklärte sein Entsetzen über die Äußerungen des Pfarrers und forderte: „Wir müssen eine weltoffene Stadt bleiben." Allerdings habe eher ein Dialog stattfinden müssen. Dezernent Bildau kritisierte Reuter, der nicht für die ganze evangelische Kirche spreche: „Sie bringen die Menschen gegeneinander auf und sagen dann ,Gehet hin in Frieden'".

Dietmar Bronder, Leiter der Laarer Hauptschule, erklärte, dass in Laar vornehmlich „Ex-Polen" wohnen, die ihren „Stammbaum überprüfen sollten", bevor sie den Muezzin-Ruf so vehement ablehnen. Vertreter der Moscheevereine nahmen nicht an der „Diskuthek" teil, da sie zu spät eingeladen worden seien, so Ücler Köksal gegenüber der WAZ.

Die Sendung wird am Samstag um 18.20 Uhr im WDR-Fernsehen ausgestrahlt.


25.01.1997 - NRZ - hg

Pfiffe und Buh-Rufe hagelte es jetzt auf dem Laarer Markt während einer Diskussion um den muslimischen Gebetsruf auf Oberbürgermeister Josef Krings nieder. Das Stadtoberhaupt debattierte mit Bürgern und Moderator Martin Blachmann auf Einladung des WDR, der die Sendung „Gott und die Welt - Kreuzzug in Duisburg" in Laar aufgezeichnet hat. „Die Politiker haben lange Zeit nichts getan, das Thema wurde an uns vorbei entschieden", empörten sich einige Bürger. Beifall gab es für Pfarrer Reuter: Dessen Presbyterium hatte sich bekanntlich in einer halbseitigen Zeitungsanzeige gegen den Gebetsruf ausgesprochen. Reuter rechtfertigte die hohe Investition mit einer pauschalen Presseschelte: „Wir mussten uns per Anzeige einkaufen, weil die multikulturell gleichgeschaltete Presse unsere Stellungnahme nicht abdrucken wollte."


25.01.1997 - WAZ - aka

Laar und Muezzin: Übergriffe in Wort und Tat

Das Thema „Muezzin-Ruf" macht offensichtlich blind vor Wut und Ärger. Der WDR, der auf dem Laarer Marktplatz das Thema Muezzin öffentlich diskutieren lassen wollte, bekam ein Lehrstück von Intoleranz geboten, bei dem nicht einmal die geringsten Ansätze von gegenseitiger Achtung gewahrt wurden — von den wenigen Ausnahmen abgesehen, die sich aber gegen Pfiffe und Rufe nicht durchsetzen konnten.

An meiner Jacke zerrend, schrie ein älterer Herr die Presse berichte einseitig und habe keine Ahnung. Ich als Frau müsse doch wohl verstehen, dass alteingesessene Duisburger Angst vor Türken hätten und die Erlaubnis des Muezzin-Rufs einer Machtübergabe gleichkäme. Dies alles unterlegt mit Schimpfworten.

Die Tatsache, dass unsere Redaktion mitten im „islamisier-ten" Marxloh liegt, ich hier seit fünf Jahren auch spätabends noch unterwegs bin, aber noch nie belästigt wurde — weder von Deutschen noch von Ausländern — störte den Mann wenig. Da eine Diskussion nicht möglich war, befreite ich mich und verschwand in der Menge.

Nicht ganz so handgreiflich, aber ähnlich aggressiv drängten mir an dem Tag noch andere Bürger ihre Meinung auf.

Eins ist klar: Den Gegnern des Muezzin-Rufs geht es gar nicht um das Rufen oder die damit verbundene „Lärmbelästigung". Es geht nur wenigen um reine Machtbeweise, vielen hingegen unbewusst um diffuse Ängste, die allzu lange von Verantwortlichen nicht wahrgenommen worden sind. Äußerungen wie die von Pfarrer Wolfgang Tereick, dass die Kooperation zwischen den Glaubensrichtungen in Marxloh hervorragend funktioniere und Pfarrer Dietrich Reuter eine „fundamentalistische Extremposition" vertrete, gingen deshalb in der explosiven Stimmung völlig unter.

So laut wie derzeit einige Zeitgenossen schreit noch nicht einmal der Muezzin.

Die Aufzeichnung ist heute um 18.20 Uhr im WDR-Fernsehen zu sehen.


30.01.1997 - NRZ - zi-

Muezzinruf: Gewerkschaften stützen Krings
Ministerpräsident Rau nimmt Oberbürgermeister zum Staatsbesuch in die Niederlande mit

Josef Krings kann sich in zwei wichtigen aktuellen Fragen nachhaltig bestätigt fühlen. Auf einer Klausurtagung (Bericht folgt morgen) haben jetzt die Vertreter aller in Duisburg tätigen Einzelgewerkschaften dem Oberbürgermeister in Sachen lautsprecherverstärkter Muezzinruf nachhaltig den Rücken gestärkt. DGB-Chef Rainer Bischoff: „Wir alle haben ihn deutlich ermuntert, an seiner Linie festzuhalten." Die Gewerkschaftler äußerten auch ihr Unverständnis über etliche Reaktionen aus der Bürgerschaft, von der Krings teilweise ja sogar ausgebuht worden war. Bischoff: „Alle Diskutanten haben betont, dass sie privat und beruflich mit ausländischen Mitbürgern zusammenkommen und dass dieses Zusammenleben nicht immer einfach ist. Sie haben aber keinen Zweifel daran gelassen, dass auch Andersgläubige ein Recht auf Religionsausübung haben." ..


31.01.1997 - NRZ - zak

Kirche: „Pfarrer Reuter stiftet Feindschaft"
Kirchenkreis distanziert sich: Verantwortungslos

Aktionen und Verlautbarungen des Laarer Pfarrers Dietrich Reuter, der bekanntlich vehement gegen den lautsprecherverstärkten muslemischen Gebetsruf eintritt, spaltet mehr und mehr die evangelische Kirche. Jetzt distanzieren sich mehr als 40 Mitarbeiter und Geistliche der ev. Kirche in Duisburg von ihrem Amtskollegen: „Das ist Fundamentalismus."

„Pfarrer Reuter betrachtet die Bibel als ein fertiges Gesetzbuch, mit dem er autoritär und unduldsam endgültige Urteile über Menschen und Meinungen fällt", begründen die Unterzeichner der Erklärung - allen voran Pfarrer Karl-Wolfgang Brandt, Superintendent im Norden - mit drastischen Worten den Vorwurf des Fundamentalismus.

Reuter habe es verstanden, „durch ständige Präsenz in den Medien den Eindruck zu erwecken, er vertrete die Kirche in Duisburg". Dem wollen die Verfasser der Erklärung nun entgegentreten.

Darüber hinaus bedauert es die Gruppe, dass der Laarer Pfarrer „in einigen Bevölkerungskreisen lautstarke Zustimmung findet", und diese ausnutze, „um Unfrieden und Feindschaft zu stiften. Das ist verantwortungslos". Der christliche Glauben würde sich nicht mit der Verunglimpfung des Glaubens anderer vertragen.

Die Unterzeichner machen darauf aufmerksam, dass sie „Wege zum friedlichen Zusammenleben und zur Verständigung" suchen. Sie appellieren an alle Christen und Muslime, „um des Friedens in unserer Stadt willen" aufeinander zuzugehen, ihren und den Glauben anderer zu tolerieren und gegenseitige Einladung ohne Furcht vor den Menschen anzunehmen.

• Der Forderung, Reuter zu entlassen, die Ulrich Schmitz, Leiter des ev. Familienbildungswerkes, und Sieghard Schilling, Geschäftsführer des Diakoniewerkes für Sozialthearpie, an die Landeskirche adressiert haben (die NRZ berichtete), räumt der Empfänger „keine Chance" ein.

„Die Landeskirche teilt zwar absolut nicht die Meinung von Pfarrer Reuter", so Sprecher Ulrich Schäfer, „doch leben wir in einem Land mit freier Meinungsäußerung". Und in seiner Amtsausführung habe Reuter sich nichts zu Schulden kommen lassen.


05.02.1997 - Rheinische Post

Streit um den Gebetsruf des Muezzin / Brief an die evangelische Kirchenleitung
Verein für Evangelische Jugendsozialarbeit fordert Entlassung des Laarer Pfarrers Reuter

Den Laarer Pfarrer Dietrich Reuter aus dem Dienst der Evangelischen Kirche zu entlassen, haben jetzt auch der Leiter des Vereins für Evangelische Jugendsozialarbeit in Duisburg, Günther Finkel, und der Vorsitzende des Vereins, Hartmut Labusch, gefordert. Der Streit innerhalb der Bevölkerung um den lautsprecherverstärkten Gebetsaufruf der Muslime habe seit der öffentlichen Veranstaltung am 23. Januar in Laar eine neue erschreckende Qualität erhalten, schreiben Finkel und Labusch in einem Brief an die Kirchenleitungen der Evangelischen Kirche im Rheinland und des Kirchenkreises Duisburg-Nord.

In dem Brief heißt es: „Ausländerfeindliche und rassistische Verlautbarungen werden offensiver vorgetragen, weil sie sich durch die Äußerungen des evangelischen Pfarrers Dietrich Reuter gedeckt fühlen, der öffentlich und öffentlichwirksam den Islam als grundsätzlich fundamentalistisch, intolerant und antichristlich darstellt."

Finkel und Labusch erklären, sie würden ausdrücklich Ulrich Schmitz, Leiter des evangelischen Familienbildungswerks, und Sieghard Schilling, Geschäftsführer des Diakoniewerks für Sozialtherapie unterstützen, die darum gebeten haben, Wege zur Entlassung von Pfarrer Reuter zu suchen.


19.02.1997 - Wochen Anzeiger

LESERBRIEFE


Wahnideen

Zu den umstrittenen Wurfzetteln, die zuletzt die Muezzin-Diskussion weiter anheizten, schreibt der Islamische-Kultur-Verein in Laar:

Die beigefügte Kopie, deren Inhalt dem Koordinationsrat der türkischen Vereine zugeschrieben wird, wurde am 23. Januar 1997 von einigen deutschen Bürgern während der WDR-Aufzeichnung auf dem Marktplatz untereinander verteilt. Wiederum einige deutsche Bürger, die noch Gerechtigkeitssinn besitzen und an dem Wahrheitsgehalt solcher Schriften zweifeln, haben uns auf dieses Papierstück aufmerksam gemacht und uns eingereicht. Wir möchten nachdrücklich betonen, dass die oben genannte Vereinigung beziehungsweise die namentlich genannte Person einen solchen Schriftzug weder gesetzt noch mit dem Gedanken gespielt hat, solche Absurditäten in die Welt zu setzen.

Wer der/die Verfasser war/waren, wissen wir nicht. Welche Absicht dahintersteckt und welches Ziel damit befolgt wird, ist jedoch offensichtlich und für jeden rationalen Menschen sofort erkennbar, so dass man Vermutungen anstellen kann, aus welchen Reihen solche 'Wahnideen' kommen. Die Debatte um den Muezzin-Ruf wird unglücklicherweise als Anlass missbraucht, um die deutsche Bevölkerung gegen die türkische Bevölkerung aufzuhetzen, indem eine groteske Situation suggeriert wird, die die angebliche Gefährdung der deutschen Identität voraussagt und den Untergang Deutschlands prophezeit.

Wir bitten um Kenntnisnahme solcher Vorfälle und wünschen sehr, dass die deutsche Bevölkerung auf eine solche arglistige Täuschung, die zukünftig hoffentlich vermieden wird, nicht zum Opfer fallen wird.


„Ein dicker Hund"

Monika Scherbaum, CDU-Bezirksvertreterin für Neumühl, macht sich für Pfarrer Reuter stark:

„Es ist wirklich schon ein 'dicker Hund': Pfarrer Reuter kämpft mutig und engagiert mit voller Unterstützung seiner Kirchengemeinde und des Presbyteriums gegen den Lautsprecherruf des Muezzins, die evangelische Landeskirche sowie der Evangelische Kirchenkreis Nord lässt ihn völlig im Regen stehen. Seine lieben Kollegen betreiben seine Entlassung aus dem Kirchendienst. Oh ja, einen offenen Brief schreiben sie und eine Unterschriftenaktion läuft unterstützend mit.

Ein kritischer, unbequemer Pastor passt nicht in ihr Weltbild. Als evangelische Christin wird man dabei sehr nachdenklich. Sie übersehen hierbei völlig, dass sie den Falschen an den Pranger stellen, denn wären die Politiker der SPD und Grünen sensibler mit dieser Problematik umgegangen und gäbe es da nicht einen Dezernenten Bildau, der ohnehin der Meinung ist, Entscheidungen des Rates gelten für alle, nur nicht für ihn, wäre die Situation lange nicht so verfahren.

Spricht man mit den Bürgern, stellt sich rasch heraus, dass sie dem Muezzinruf sehr kritisch gegenüber stehen. Viele Leserbriefe, die ich hierzu las, waren pro und kontra. Fazit: die Bürgerschaft steht nicht mehrheitlich dahinter. Dadurch, dass die Kirchengemeinde Laar mutig Stellung bezog, kam die Diskussion in Gang. Man muss auch fairerweise anmerken: Hätte man im Vorfeld die Proteste des Pastor Reuter nicht von maßgeblicher Stelle so gedeckelt, wäre eine halbseitige Anzeige sicher nicht nötig gewesen.

Natürlich kamen dann auch sehr krasse Meinungen herum, aber hätte es diese Entwicklung nicht gegeben, die politischen Mehrheiten hätten ohne wenn und aber den Lautsprecherruf beschlossen. Aufmuckende Bürger hätte man dann in die Ecke der Querulanten und Ausländerfeindlichen gestellt! Pastor Reuter hat den 'schwarzen Peter', es bleibt abzuwarten, ob nun jene, für die er kämpfte, sich auch für ihn stark machen."


Streit nimmt kein Ende

Auf den Leserbrief „Öl ins Feuer", abgedruckt am 5. Februar, reagiert Günter Fenger:

„Der Streit um den Ruf des Muezzins über Lautsprecher nimmt kein Ende. Es ist grundsätzlich richtig, wenn hier und da versucht wird, mit den Muslimen darüber ins Gespräch zu kommen. Dialoge sollten vermehrt stattfinden, aber hier sollte auch darauf geachtet werden, dass der größte Teil der Bevölkerung gegen einen lautsprecherverstärkten Gebetsruf ist, weil man nach meiner Meinung befürchtet, dass der christliche Einfluß dadurch eventuell zurückgedrängt wird.

Wenn auch ein Recht auf freie Ausübung der Religion bei allen Bevölkerungsgruppen besteht, so geht es doch um gegenseitiges Verständnis, denn dadurch wird ein friedliches Miteinander beider Religionen garantiert. Somit sollte meines Erachtens von dem Vorhaben, über Lautsprecher die Gebete auszurufen, abgesehen werden."


20.02.1997 - WAZ - chris

Statt Chrom heimelige Wirtshaus-Atmosphäre
Vereinsbank feierte Jubiläum in Laar

Man hätte auch in die chromglitzernde Zentrale an der Düsseldorfer Straße zum Gespräch einladen können, meint Vereinsbank-Vorstand Gerhard Steinhoff. Die Pressekonferenz zum 100jährigen Bestehen aber fand in einer Laarer Gaststätte statt.

Deren betagte Wirtin, Änne Burhans, sorgte persönlich für die Bewirtung mit Kaffee und Schnittchen. Ihr Vater Eduard hatte, schräg gegenüber an der Friedrich-Ebert-Straße, die Gaststätte geführt, in der am 19. Januar 1897 der „Credit-Verein zu Laar e.G.m.b.H." gegründet worden war.

Einen Monat zuvor hatten die Bürgervereinsmitglieder noch einem Vortrag eines „Herrn aus Düsseldorf" über Finanzfragen gelauscht und schnell die Konsequenzen gezogen, erinnert Theo Barkowski, der Vorsitzende des heutigen Bürgervereins. Die Mittelständler, 28 an der Zahl, profitierten damals vom industriellen Aufschwung Duisburgs, sie brauchten dafür aber auch Geld, und darum wurde der „Credit-Verein" gegründet.

Fast familiär mutet die Pressekonferenz auch deshalb an, weil die Tochter eines der Gründungsväter, Hermine Arntz, zugegen ist. Vater Hermann Schraven war Kuperschmied und einer der 28.

Die Verbundenheit mit der Laarer Bevölkerung betont denn auch Vorstandsprecher Dr. Wolf-Dieter Jurgeleit. Enge Kontakte werden weiter zum Laarer Bürgerverein gepflegt, mit durchaus wechselseitigen Wirkungen. Vorsitzender Theo Barkowski nimmt einen Scheck in Höhe von 3.000 DM entgegen - zur Pflege des Archivs und kleinen Museums an der Deichstraße.

Barkowski wiederum bedankt sich mit einer Dokumentation über die Vereinsbank-Geschichte. Außerdem wird er aus seinem reichen Fundus zum Gelingen einer Ausstellung in der Filiale an der Friedrich-Ebert-Straße beitragen.


06.03.1997 - WAZ

Konflikt um den Ruf des Muezzin in Duisburg schwelt
Gegner wollen bis zum Bundesverfassungsgericht gehen - Kirchen und Moslems rufen zu Toleranz

Die Auseinandersetzung um den Ruf des Muezzin in Duisburg geht weiter.

Schon vor Monaten, als die Moslems planten, künftig den Muezzin lautsprecherverstärkt zum Gebet rufen zu lassen, kochten die Emotionen hoch. Denn der deutlich vernehmbare Gebetsruf wurde von deutschen Anwohnern als störend abgelehnt. Zu Beginn des islamischen Fastenmonats Ramadan, Anfang Januar, erklang der Ruf erstmals. Die Moslems verzichteten auf Lautsprecher.

Aber der Streit geht weiter. Zu den schärfsten Kritikern des Gebetsrufs gehört Dietrich Reuter, evangelischer Pfarrer in Duisburg-Laar, der fundamentalistische Töne nicht scheut.

Er schaltet Anzeigen in Zeitungen. Damit lädt der 42-jährige, der sich zur evangelikal-konservativen Bekenntnisbewegung „Kein anderes Evangelium" zählt, zu Veranstaltungen und Referaten ein. Titel: „Glauben Christen und Muslime an denselben Gott?" oder „Christus oder die Abgötter (Götzen)".

Reuter braucht sich keine Sorgen um die Finanzierung seines „Kreuzzuges" zu machen. Spenden aus der Bevölkerung fließen reichlich.

Mit dem Echo seiner Kampagne kann der Theologe bislang zufrieden sein: Im Stadtteil Homberg gibt es eine Bürgerinitiative, die eine Zurücknahme des Antrags auf einen lautsprecherverstärkten Muezzinruf fordert und notfalls sogar vor das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe gehen will.

In Leserbriefen und in Schreiben an den Oberbürgermeister vergleichen Bürger den muslimischen Gebetsruf mit einem Lauschangriff auf die Wohnung (akustischer Einbruch) und fordern das Verbot.

Dieser Streit, vordergründig religiös verbrämt, ist in Wirklichkeit eine Auseinandersetzung um die multikulturelle Zukunft dieser Stadt: Von den gut 530.000 Einwohnern sind 60.000 Türken. Sie leben seit Jahren hier. Doch Arbeitslosigkeit und soziale Nöte, die sich in Duisburgs Norden konzentrieren, bilden Sprengsätze, die sich am Muezzinruf entzünden.
Die Toleranz der Deutschen werde durch den Muezzin-Ruf überstrapaziert, behauptet die CDU und möchte den Ruf am liebsten abschaffen. In den nördlichen SPD-Ortsvereinen wird ähnlich diskutiert.

Die Vertreter der beiden großen Konfessionen und islamischer Gemeinden versuchen mit Aufrufen zur Toleranz und durch gemeinsame Veranstaltungen, Gräben zuzuschütten: Koranlesung in einer Kirche, Bibellesung in einer Moschee.

Wolfgang Kania, Duisburg


03.04.1997 - WAZ - ka-

Mit dem Christengott gegen Allah
„Islamspezialistin" sprach auf Einladung von Pfarrer Reuter in Laar

Als „Islamspezialistin" hatte der mit fundamentalistisch-evangelikalen Methoden gegen einen lautsprecherverstärkten Muezzinruf agierende Laarer Pfarrer Dietrich Reuter die Referentin Dr. Christine Schirrmacher angekündigt — zum Thema „Muezzin-Ruf".

Und Reuters Anhängerschaft in der rund 350 Zuhörer zählenden Laarer Kirche wurde nicht enttäuscht: „Der Allah des Islam ist nicht der Gott der Christen", verkündete die einer der extremsten theologischen Richtungen zuzurechnende Referentin.

Dr. Christine Schirrmacher und ihr Ehemann gelten als Anhänger einer radikalen Bibel-Exegese auf der Basis der „Verbalinspiration".

Das hatte bereits die Leitung der „Staatsunabhängigen Theologischen Hochschule" (STH) in Basel erkannt. Ihre Leitung trennte sich abrupt im Streit von der theologischen Mitarbeit des Ehepaares Schirrmacher unter dem schwerwiegenden Vorwurf, die Eheleute würden Sonderlehren vertreten.

In den Aussagen von Dr. Christine Schirrmacher sah sich die Duisburger Minderheiten-Gruppe, die den Muezzin-Ruf auf der Basis der Reuterschen Thesen ablehnt, in ihren fundamentalistischen Thesen bestätigt: Der Gebetsruf sei keineswegs (nur) eine Einladung sondern enthalte zwei, sich unmittelbar gegen den christlichen Glauben gerichtete Aussagen: Allah sei größer als der Gott, den Juden und Christen verehren, und die Anerkennung Mohammeds als Prophet.


Zusammenfassend unterstellte die Refererentin, dass der Islam halbstaatliche und staatliche Stellen zu beeinflussen versuche, um die islamische Ordnung eines Tages auch in den Ländern des christlichen Abendlandes aufzurichten: Hier geschehe islamische Mission.


16.04.1997 - WAZ

Der Ruf stört das Miteinander nicht
Stellungnahme der Laarer SPD

„100 Tage Muezzin-Ruf ohne Lautsprecher" veranlassen den Laarar SPD-Ortsvereinsvorsitzenden Ludwig Kättnis zu folgender Stellungnahme:

„Der Vorstand des SPD-Ortsvereins Laar schließt sich der Meinung des SPD-Unterbezirksvorsitzenden Hans Pflug an, dass die in Duisburg lebenden Moslems auch ohne Lautsprecher-Verstärkung ihre Religionsfreiheit ausüben können. Seit rund 100 Tagen ruft der Muezzin in Laar nun zum Freitagsgebet. Die Laarer Sozialdemokraten sehen darin einen deutlichen Hinweis darauf, dass die Diskussion um den Muezzin-Ruf das friedliche und verständnisvolle Miteinander von Deutschen und Ausländern nicht beeinträchtigt hat. Der Ortsvereinsvorstand appelliert an alle Gruppierungen, die in dieser Frage zu fundamentalistischen oder scharfmacherischen Haltungen neigen, dieses friedliche Miteinander nicht mit religiös oder ideologisch gefärbten Parolen, die nicht mehr zeitgemäß sind, zu stören. Die Laarer SPD ruft alle gesellschaftlichen Kräfte dazu auf, sich wieder mit ganzer Kraft den wirklich brennenden politischen Fragen in den benachteiligten Stadtteilen des Duisburger Nordens zu widmen."


04.09.1997 - WAZ

Hilfe für Opfer der Regenfälle

Sintflutartige Regenfälle setzten in der Nacht zum Dienstag nicht nur in Laar etliche Keller unter Wasser. SPD-Ratsherr Ludwig Kättnis plädierte darauf beim Umweltdezernenten Jürgen C. Brandt dafür, dass die Laarer bei der Sperrmüllabfuhr bevorzugt behandelt werden.

Nach der Überschwemmung haben viele Bewohner ihre durchnässten Abfälle an die Straßenränder gestellt.

Ludwig Kättnis: „Die von Wasserschäden betroffenen Laarer können sich sofort bei den Entsorgungsbetrieben Duisburg-Nord unter XXX melden. Der Sperrmüll wird dann innerhalb der nächsten Tage abgeholt."


03.10.1997 - WAZ

Muslime laden zur besseren Verständigung in Moscheen ein
Marxloh und Laar: Heute und morgen offene Türen

Anlässlich des Europäischen Jahres gegen Rassismus 1997, der Woche der ausländischen Mitbürger (interkulturelle Woche) und des Tages der Deutschen Einheit hat der Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) den heutigen Freitag und den Samstag, 4. Oktober, zum „Tag der offenen Moschee" ausgerufen.

Bundesweit werden die Moscheen des ZMD und der größten Spitzenverbände ihre Tore für die nichtmuslimischen Mitbürger/-innen öffnen, sie zum direkten Gespräch einladen und damit Dialogbereitschaft und Transparenz signalisieren.

Die Moschee in Marxloh, Weseler Straße 80/Ecke Krügerstraße 2, lädt von 11 bis 19 Uhr am Samstag, 4. Oktober, ein. Unter dem Gesichtspunkt, einander „verstehen lernen" lädt die islamische Gemeinde „Sultan-Ahmet-Moschee" in Laar, Friedrich-Ebert-Straße 116 (neben St. Ewaldi-Kirche), von 9 bis 13 Uhr zum Besuch ein. Es gibt nicht nur Gelegenheit, die neu hergerichtete Moschee einmal von innen zu sehen, sondern es werden auch fachkundige Führungen und Erläuterungen geboten.

In der an die Moschee angeschlossenen Teestube können bei einem türkischen Tee oder Kaffee auch Gespräche mit Gemeindemitgliedern geführt werden.

Diese Moschee liegt genau neben der Kirche, in der in der Vergangenheit gegen den Muezzinruf gekämpft wurde.


06.10.1997 - WAZ - BR

Wenige Deutsche fragten nach Minber und Mihrab
„Tag der offenen Tür" in der Laarer Moschee

Die Farbe Grün beherrscht die Moschee an der Friedrich Ebert Straße 116. Auf den weichen Teppichen findet man die Farbe des Islam und auf den Ornamenten der gekachelten Wand. Am Samstag luden die Muslime zu einem „Tag der offenen Moschee".

Erstmals hatten auf Anregung des „Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD)" zahlreiche Moscheen in der ganzen Republik für Nichtmuslime geöffnet. In Duisburg beteiligte sich unter anderem der Laarer Moschee-Verein. Doch nur wenige Deutsche folgten der Einladung. „Dabei hatten wir uns intensiv auf die Gespräche vorbereitet", bedauerte Ümit Er, Sprecher des Moschee-Vereins.

Kleine Hinweistafeln erläutern an diesem Tag die Funktion einzelner Gegenstände. Da ist vor Kopf die Mihrab, die Nische für den Imam, den Vorbeter. „Sie ist nach Mekka ausgerichtet", beschreibt Er. Das sei fast die einzige zwingende Vorschrift für die Einrichtung Moschee, fügen seine Glaubensbrüder hinzu. An der rechten und linken Seite stehen jeweils eine Kanzel. Von der rechten, der Minber, hält der Imam an hohen Feiertagen, am Freitag und während des Fastenmonats nach dem Gebet eine Pflicht-Predigt. „Zu aktuellen oder religiösen Themen", erläutert Er. Von der anderen Kanzel kann eine Predigt vor den Gebeten gehalten werden.

Zu den deutschen Gästen gehört Konrad Leuer, Lehrer und Kirchenmusiker der benachbarten Kirche St. Ewaldi. Er kennt viele der 160 Angehörigen des Moscheevereins. Nicht nur weil er häufig Gast in dem neu gestalteten Raum ist: „Viele habe ich früher unterrichtet." Seit 1986 sind Muslime und Katholiken in Laar Nachbarn. Auch der Pfarrer von St. Ewaldi besuchte die Moschee.

Entmutigen lassen wollen sich die Muslime nicht. „Wir suchen in nächster Zeit auch direkt den Kontakt zu Laarer Vereinen" verspricht Ümit Er.


05.11.1997 - WAZ

 

Ausstellung: 100 Jahre in Laar

 

Der Bürgerverein in Laar und die Vereinsbank, die in diesem Jahr ihr 100-jähriges Bestehen feiert, bilden ein besonderes Gespann: Kam doch anno 1897 aus den Reihen der Laarer Bürgervereinigung der Anstoß zur Gründung der Vereinsbank.

 

Vereinsbank-Chef Gerhard Steinhoff eröffnete jetzt zusammen mit dem Bürgervereins-Vorsitzenden Theo Barkowski und der Laarer Filial-Leiterin Jutta Gorke eine Ausstellung „Vereinsbank und Laar — 100 Jahre gemeinsame Entwicklung", in der teilweise noch unveröffentlichte Fotos aus den letzten 100 Jahren zu sehen sind.

 

Besonders erfreut zeigte sich der rührige Barkowski, der ein eigenes, umfangreiches Archiv unterhält, darüber, dass in der Laarer Filiale auch Haushaltsgegenstände und Arbeitsgeräte aus vergangenen Zeiten präsentiert werden.


22.11.1997 - WAZ - ka-

Schrittmacher löst Probleme
Neue Operationstechnik in Laar

„Neurostimulation" heißt ein neues medizinisches Operationsverfahren, das Menschen mit schwachem Darm (Stuhlinkontinenz) Hilfe verspricht. Im St. Joseph-Hospital in Laar wird diese Technik genutzt.

Ihr liegt ein Verfahren zugrunde, das seit den 50er Jahren bereits in der Kinderchirurgie bekannt ist, erklärt Dr. Satirios Athanasiadis, Leitender Arzt in der Chirurgie II des Laarer Krankenhauses.

Dabei wird ein Muskel von der Innenseite des Oberschenkels, der für die Beweglichkeit des Beines entbehrlich ist, gelöst und in einer Schleife um den Enddarm gelegt.

Der Operateur setzt einen neuentwickelten Schrittmacher ein, der den Muskel unter ständiger Spannung hält. Dr. Athanasiadis: „Dadurch wird der Patient in die Lage versetzt, seinen Stuhlgang zu halten." Der Schrittmacher ähnelt dem eines Herzschrittmachers. Er wird mit einer Batterie betrieben und in die Bauchdecke implantiert.

Nur wenige Chirurgische Zentren führen bisher diese Operation durch. In der Duisburger Region ist das St. Joseph-Hospital das einzige Haus, in dem mit dieser Technik gearbeitet wird.

„Das liegt daran", erläutert der Leitende Arzt, „dass der Eingriff sehr sorgfältig durchgeführt werden muss und anschließend eine sehr persönliche Betreuung der Patienten über Jahre hinweg in einer Spezialabteilung erfolgt".

Athanasiadis zieht eine bislang erfolgreiche Operations-Bilanz: Seit zwei Jahren erhielten in diesem Krankenhaus sieben Patienten den Schließmuskel-Schrittmacher „mit überzeugenden Ergebnissen".

Die aufwendige Operation ist nach Auffassung des Laarer Operations-Teams nicht bei allen Patienten mit einer Stuhlinkontinenz erforderlich. Grundsätzlich sollten sich jedoch Menschen bei diesen Beschwerden, die sie im Alltag schwer belasten, einer ausführlichen Schließmuskel- und Beckenbodendiagnostik unterziehen, raten die Ärzte. Denn häufig könnte die Darmschwäche durch eine einfache konservative Therapie gebessert oder geheilt werden.

Für Dr. Athanasiadis steht fest, dass die neue Technik die Schaffung eines künstlichen Darmausgangs bei Stuhlinkontinenz in den meisten Fällen überflüssig macht.


1997 - Ruhritäten - Uwe Bonsack

Theo Barkowski und sein Wirken im Bürgerverein Duisburg-Laar
Seit 38 Jahren „aktiver Bürger"

Seit 38 Jahren ist Theo Barkowski Vorsitzender des Bürgervereins Duisburg-Laar. In dieser Funktion hat er durch seine Arbeit in und mit dem Bürgerverein den Stadtteil entscheidend geprägt.

Barkowski wurde 1926 in Duisburg-Hamborn geboren. Nach seiner Fachausbildung bei der August-Thyssen-Hütte wurde er 1944 zur Luftwaffe eingezogen und noch im selben Jahr verwundet. Bei Kriegsende 1945 kam er in russische Kriegsgefangenschaft, aus der er erst im März 1949 entlassen wurde. Mitte der 50er Jahre zog er nach Duisburg-Laar. Er bildete sich in Abendschulen zum Industriemeister und Maschinenbautechniker weiter. Bis zu seinem Ausscheiden aus dem aktiven Berufsleben arbeitete er als Betriebstechniker im Kraftwerk „Hermann Wenzel" der Thyssen Stahl AG in Duisburg-Laar. Im März 1960 besuchte Barkowski zum ersten Mal die Jahreshauptversammlung des Bürgervereins Duisburg-Laar. Auf der Tagesordnung stand die Neuwahl des Vereinsvorsitzenden. Keiner der Anwesenden wollte dieses Amt übernehmen. Barkowski zeigte sich über diese Zurückhaltung verwundert und äußerte seine Irritation. Diese freimütige Äußerung wurde sofort und unmittelbar zum Anlass genommen, ihn zum neuen Vorsitzenden des Vereins zu wählen.

Ein erstes Ziel für Barkowski war, den Verein bekannter zu machen und neue Mitglieder zu werben. Nicht mehr die Arbeit im Hinterzimmer sollte im Vordergrund stehen, sondern der Verein sollte aktiv am gesellschaftlichen Leben in Laar teilnehmen. Barkowski suchte sich junge und kreative Mitstreiter und begann mit einer Vielzahl von Aktivitäten.

Patenschaften für das öffentliche Grün

Duisburg-Laar sollte schöner und lebenswerter werden. Zu diesem Zwecke aktivierte der Verein unter anderem Laarer Schulklassen, die Patenschaften für die Pflege von Bäumen und Grünflächen übernahmen; der Verein setzte sich dafür ein, dass die Rheinpromenade umgestaltet wurde, damit die Bürgerinnen und Bürgern ihre Freizeit dort verbringen können; er initiiert Säuberungsaktionen des Stadtteils, veranstaltet Konzertreihen im Sommer und gibt historische Schriften über den Stadtteil heraus.

Ein großes Anliegen Barkow-skis war und ist die Arbeit für die älteren Bürgerinnen und Bürgerin Laar. Er organisiert für alle älteren Einwohnerinnen und Einwohner eine intensive und individuelle Betreuung. Anlässlich eines „Altentages" werden alle älteren Mitbürgerinnen und Mitbürger zu Gesprächen
bei Kaffee und Kuchen eingeladen. Eine Besonderheit in Laar ist, dass die Einladungen für derartige Veranstaltungen nicht mit der Post verschickt werden, sondern durch einen persönlichen Besuch verteilt werden. Dadurch ist ein intensiver Kontakt zu den älteren Bürgerinnen und Bürgern gewährleistet. Probleme können auf diese Art und Weise sehr schnell erkannt und bürgernah gelöst werden. Als Angestellter im Kraftwerk in Laar einerseits und als Vorsitzender des Bürgervereins andererseits fungierte Barkowski als Schnittstelle zwischen Bürgerschaft und industriellem Unternehmen. Barkowski konnte durch seine Kenntnisse über Abläufe im Kraftwerk viele Fragen der Bürgerinnen und Bürger, wenn es um deren Ängste und Befürchtungen im Bereich der Umwelt ging, beantworten. Somit war er Ansprechpartner sowohl für die Kraftwerksleitung als auch für die Bürgerinnen und Bürger. Viele Probleme konnten so auf dem „kurzen Dienstwege"  schnell und unbürokratisch gelöst werden, manche neue Filteranlage wurde installiert. Nicht zuletzt auf Drängen des Bürgervereins hat sich im Laufe der Zeit der Umwelt- und Lärmschutz in Laar erheblich verbessert.

Bindeglied

Mit Politik und Stadtverwaltung hat Barkowski immer ein kritisch solidarisches Verhältnis gepflegt. Er suchte stets die sachliche Argumentation und Diskussion und verzichtete auf Polemik. Durch sein unermüdliches Engagement ist es ihm gelungen, den Bürgerverein zu einem Bindeglied zwischen Bürgerschaft einerseits und Rat und Verwaltung andererseits werden zu lassen. Eine Rolle spielt hierbei sicherlich, dass der Bürgerverein in Zeiten, in denen viele andere Organisationen über Mitgliederschwund klagen, mit seinen an die 500 Mitglieder einen sehr großen Rückhalt in der Stadtteilöffentlichkeit besitzt, wenn er gegenüber Verwaltung und Politik auf drängende Probleme aufmerksam macht.

Man kann ohne Übertreibung sagen, dass der Bürgerverein das Leben des 7000 Menschen umfassenden Duisburger Stadtteils, in dem 17 Prozent ausländische Mitbürger türkischer, spanischer und portugiesischer Herkunft leben, mitgestaltet. Für seine Verdienste hat Barkowski 1980 das „Duisburger Bürger-Ehrenwappen" erhalten, 1985 wurde er vom Bundespräsidenten mit der Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet.

Der Bürgerverein Duisburg-Laar wurde 1996 auf dem Bürgertag des Ruhrgebietes mit der Auszeichnung „Bürgerverein des Ruhrgebietes" geehrt. Prof. Dr. Jürgen Gramke, der damalige Vorsitzende des Vereins pro Ruhrgebiet, betonte in seiner Laudatio: „Wir ehren einen Verein, der beispielhaft das Miteinander in einem Stadtteil anregt, begleitet und teilweise organisiert, der Sprecher des Stadtteils ist gegenüber Rat, Bezirksvertretung und Stadtverwaltung. Er geht auf neue Bürger zu und lädt sie zum Eintritt in die Nachbarschaft ein."

Wer Näheres über den Bürgerverein Duisburg-Laar erfahren möchte, kann viel Interessantes nachlesen in dem Buch „120 Jahre Laarer Bürgervereinsgeschichte und die Geschichte Laar's", herausgegeben vom Bürgerverein Duisburg-Laar.